28. Juni 2026
Kapitel 2: Diagnose und Krankenhausaufenthalt
Hallo Margret,
ich werde nicht fragen, wie es dir geht, denn ich brauche keine Antwort. Du kommunizierst nicht gerade gewaltfrei, also lass es bitte doch lieber. Und ich sage das nicht ohne Grund, denn bis zum Zeitpunkt der Diagnose hattest du mir und den Menschen in meinem Umfeld schon so viel genommen. Ich bin schließlich nicht die einzige, die du da mit reinziehst, hast du da eigentlich mal drüber nachgedacht? Du hast Menschen mit mir ins Verderben gezogen, die nichts Schlechtes und schon gar nicht so eine Belastung verdient haben. Besonders meinen Partner, der so gutherzig ist, wie ich es selten erlebt habe und der mit mir gemeinsam am stärksten von dir und deinen Auswirkungen belästigt wurde. Du hast sie alle hilflos zusehen lassen, was du mit mir machst, und keine Sekunde daran gedacht, dass du Kollateralschäden verursachst. Du hast eine Beziehungsprobe mit ihm ausgelöst, die viele Beziehungen nicht überlebt hätten. Und ich kann mit Stolz sagen, dass dieser Mensch so wunderbar ist, dass nichtmal du, mit deinen ganzen beschissenen Aktionen es geschafft hast, diese Beziehung zu vernichten. Er ist noch da und scheißt auf dich, er lässt sich von dir nicht davon abhalten, ein Leben mit mir aufzubauen und glücklich zu sein. Selbst nach allem, was danach noch kam, hast du ihn und uns als Paar nicht kleingekriegt.
Ein Wochenende voller Fragen, Ängste und Einsamkeit lag nach der kurzen Ansage der Ärztin vor mir. Es wurde immerhin mit der Kortisontherapie begonnen, die Infusion hing an meinem Zugang und meine psychische Verfassung am Abgrund. Von den Pfleger*innen wurde mir auf Nachfrage gesagt, dass ich mit den Ärzt*innen am Montag darüber reden sollte und in mir hat sich eine überwältigende Einsamkeit und Hilflosigkeit ausgebreitet. Ich habe alle in meinem Umfeld angerufen und zwischen Panikattacke und Heulkrampf berichtet, was passiert war. An viel kann ich mich nicht mehr erinnern, ich war so müde von der ganzen Odyssee und überfordert mit den Neuigkeiten. Bei meinem Partner standen in der kommenden Woche die Abschlussprüfungen seiner Fortbildung an, perfektes Timing hast du dir da ausgesucht, ehrlich. Aber ich weiß ja mittlerweile, dass du keine Rücksicht kennst.
Also lag ich da, alleine in meinem Krankenhausbett, weg von Zuhause und ohne Aufklärung über meine Situation. Nur mit dem Wissen von Google, dass ich jetzt eine völlig unberechenbare, zerstörerische Mitbewohnerin auf Lebenszeit habe. Eine, deren Launen nicht mal die besten Ärzt*innen vorhersehen können. Das Wissen, dass ich endgültig nie wieder auch nur einen einzigen Tag in meinem restlichen Leben gesund sein werde, brach über mich rein, als würden die Alpen auf mich fallen. Mein Körper arbeitet gegen mich. Deine Existenz besteht allein darin, meinen Körper so zu manipulieren, dass er sich selbst angreift. Und du hast noch nicht einmal ein Schema dafür. Nein, du bist in deiner ganzen Art so unfassbar böse und hinterlistig, du suchst dir einfach wahllos aus, was du anfackelst. Du bist nicht tödlich, aber eine Ansammlung an potentieller Scheiße, die niemand haben will.
Ich dachte, mit einer Diagnose wird alles leichter, wenn ich weiß was los ist und wie man damit umgehen kann. Stattdessen hat hier erst das schlimmste Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte angefangen.
Du wurdest mir am Montag zwar namentlich vorgestellt, mit ein paar weitestgehend nichtssagenden Infos, aber mehr gab es erstmal nicht. Ob ich Fragen hätte, wollte der Neurologe wissen. Wie soll ich Fragen stellen, wenn ich dich überhaupt nicht kenne? Wenn mir niemand erstmal sagt, was du überhaupt mit mir machst, wie du dich zeigst, ob du aggressiv bist oder woher du kommst? Warum sollte man auch einer 24-jährigen Frau, die gerade in 2 Halbsätzen gesagt bekommen hat, dass sie eine unberechenbare chronische Krankheit hat, beistehen? Warum hat es niemand in diesem ganzen Team mal für nötig gehalten, mich anständig über dich aufzuklären und einfach da zu sein?
Ich seh den Depp von Neurologen heute noch am Ende des Krankenhausbettes stehen und sagen: “Bitte googeln Sie nicht einfach wild drauflos, lesen Sie nur in verlässlichen Quellen nach und informieren Sie sich auf Internetseiten wie Amsel e.V. oder der DMSG.”. Ich wollte ihn am liebsten anschreien. Du dämlicher Weißkitteldepp, du müsstest meine verlässliche Quelle sein und nicht irgendwelche Internetseiten, von denen ich keine Ahnung habe. Du stehst gerade vor mir und sagst mir, dass mein Leben jetzt völlig anders verlaufen wird, und müsstest als guter Arzt für mich da sein und die Verantwortung nicht auf das dämliche Internet abschieben. Aber ich habe vor lauter Schock und Überforderung fast nichts rausbekommen, ich war wie gelähmt.
Die Stoßtherapie mit Kortison wurde fortgeführt und meine Symptome haben sich gebessert. Ich konnte wieder besser sehen, und die Überbleibsel würden auch noch verschwinden, haben sie mir versichert. Ich wurde also entlassen, mit einer völlig neuen Lebensrealität, mehr Fragen als Antworten und einer, wie ich jetzt weiß, völlig ungesunden Rationalität, die Dinge anzugehen.