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28. Juni 2026

Kapitel 3: Zeit Traumapraxis, 10 nach 12

TW: Suizidgedanken

Hallo Margret,

ich muss sagen, dafür dass ich keinen Bock habe, mit dir zu reden, bist du ganz schön anhänglich. Das ist ja fast so, als hätte mein Mobilfunkanbieter mitbekommen, dass ich meinen Handyvertrag kündigen will. Dich einfach ungefragt in mein Leben einzunisten ist eine Sache, aber für die kommenden drei Monate warst du ja fast mein einziger Lebensinhalt. Ich bin gelähmt vor Angst und Unsicherheit aufgewacht, noch müde von den Alpträumen der jeweiligen Nacht. Habe mich mit Unmengen Arbeit irgendwie versucht abzulenken und die Abende im Wechsel mit stundenlangen Recherchen und Nervenzusammenbrüchen verbracht. Wie oft ich mich bei meinen engsten Menschen dafür entschuldigt habe, eine so große Belastung zu sein, kann ich gar nicht mehr zählen. Wie schlecht es mir ging, weil es ständig nur um meinen Zustand und weitere medizinische Schritte ging, und nicht mehr um mein Leben an sich, kannst du dir nicht ansatzweise vorstellen. Ich hab dich gehasst, aus tiefster Seele aber konnte dich ja nicht einfach ignorieren. Ich wollte dich brechen. Selbst wenn ich dabei breche. 

Mein vorher mühsam wiedergewonnenes Selbstwertgefühl hast du mir genommen, du hast mich krank, wertlos und unattraktiv fühlen lassen. Für immer schwer krank. Wie kann ich das sagen, und mich dabei nicht wie der letzte Haufen Scheiße fühlen? Mehrmals habe ich zu meinem Partner gesagt, dass ich es verstehen würde, wenn er mich verlässt. Wer will schon mit so einer Ansammlung an irreversiblen Baustellen zusammen sein? Ich wäre am Ende, aber es wäre durchaus nachvollziehbar für mich. Ich wollte nicht einmal mehr selbst bei mir sein, nicht mehr in meinem Körper, nicht mehr in meinem Kopf, einfach nicht mehr ich sein.  Aber er ist geblieben. Er war und ist stark für uns beide. Du hast es nicht geschafft, ihn oder unsere Beziehung zu zerstören, auch wenn du sehr hart daran gearbeitet hast. Er ist geblieben und war eine unglaublich starke Stütze für mich in einer Zeit, in der ich minütlich tiefer gefallen bin. 

Nach der Entlassung waren innerhalb dieser drei Monate Folgetermine in der Praxis des Neurologen ausgemacht worden, und jeder davon war schlimmer als der vorherige. Auch da kam niemand auf die Idee, mich umfassend aufzuklären. Alle Infos über dich und deine Eigenheiten musste ich mir mühsam selbst zusammensuchen. Krankheitsformen, Progression, mögliche Symptome, Untersuchungen, präventive Maßnahmen gegen eine Verschlechterung, körperliche Abläufe. Dazu sollte ich ihm dann Fragen stellen, wenn sich welche ergeben. Als wärst du eine Prüfung, die ich vor ihm bestehen muss, nur dass es dabei um nichts weiter als meine Gesundheit geht. Broschüren und Infomaterial für Medikamente hat er mir auf den Tisch gelegt und gesagt: “Das steht zur Auswahl, lesen Sie sich ein und entscheiden Sie sich bis zum nächsten Termin in 3 Wochen für ein Präparat.”. Ohne weitere Erklärung oder Informationen. Also habe ich alle Medikamente recherchiert, Studien gelesen, Nebenwirkungen abgewogen, Erfahrungsberichte studiert. Alleine. Während du in meinem Kopf und Körper gewütet hast, und Stress das letzte war, was ich gebrauchen konnte. Du und das alles war schon ein Vollzeitjob, aber ich habe “nebenbei” auch noch 40 Stunden in der Woche gearbeitet, versucht regelmäßig Sport zu machen und meine Freunde und Familie zu sehen. Und du beschwerst dich mit Symptomen bei mir, dass das stressig ist? Ach wirklich, sag bloß.

Als ich beim nächsten Termin mit meiner Entscheidung vor dem Neurologen saß, hat er mich behandelt, wie ein dummes Kind, das nicht versteht, dass die Herdplatte heiß ist. “Das ist ja schön, dass Sie sich für ein Medikament entschieden haben, aber das reicht nicht mehr. Die MS ist hochaktiv, Sie haben viele Läsionen im Gehirn und wir müssen so schnell wie möglich noch weitere MRTs machen.” Sogar du warst nach dieser Aussage verwirrt. 

Die Termine wurden für mich über die Praxis ausgemacht, weil es aus irgendeinem Grund nicht möglich war, die MRTs im anliegenden Krankenhaus (in dem der Neurologe auch arbeitet) zu machen. Da ich unter enormer Klaustrophobie leide und mich nur unter Beruhigungsmitteln in die Röhre lege, kann ich auch nicht selber fahren, also musste ich noch zusätzlich Fahrten zu den Terminen organisieren, die vormittags und ca. 1 Stunde Fahrt von meinem Zuhause ausgemacht wurden. Und der ganze Aufwand nur für den unangenehmsten Fototermin der Welt, weil du der Meinung bist, man hat noch nicht genug von dir gesehen. Zu den neuen Medikamenten habe ich natürlich auch wieder die obligatorischen Broschüren bekommen, auf Nachfrage, wie es jetzt weiter geht, wurde mir gesagt, dass ich einen schweren Verlauf und viele Einschränkungen zu erwarten habe. Mit einer hochaktiven MS sei nicht zu spaßen, und wir müssen schnell handeln, um wenigstens das Schlimmste zu verhindern. Und dann wurde ich wieder nach Hause geschickt. 

Die Heimfahrt über die Autobahn nach diesem Termin war mehr Glück als Verstand. Durch meine Vorgeschichte mit Depressionen und Suizidgedanken weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn es 12 schlägt. Auf dieser Fahrt war 10 nach 12. Ich bin weinend gefahren, so schnell wie möglich weg von dir und allen Konsequenzen, die du mit dir bringst. Auf die Autobahn und weit weg von dem Krankenhaus, der danebenliegenden Praxis, dem Neurologen. Die Musik hat fast weh getan in meinen Ohren, aber trotzdem hat das nicht gereicht, um meine Gedanken völlig verstummen zu lassen. Leider warst du in dem Moment, und wirst auch zukünftig immer sein, mit mir im Auto, in meinem Körper und in meinem Kopf. Dein kleines Feuerzeug in meinem Immunsystem, an dessen Zündrad dein Finger schon bereit liegt, habe ich überdeutlich gespürt. Es hat sich angefühlt wie eine Kanonenkugel voller Schwarzpulver in meiner Brust, wie ein Baucontainer auf meinem Fuß, der das Gaspedal nach unten drückt. Ist doch eh alles umsonst, hab ich gedacht, du nimmst mir mein Leben wie es bisher war, mit allem was daran lebenswert ist. Meine Hoffnung. Meine Lebensfreude. Mein Selbstbewusstsein. All das habe ich den Abgrund runter fallen sehen, und ich wollte hinterher. Du nimmst mir alles, also kann ich es mir auch selbst nehmen. Das Leid, was auf mich zukommen soll, abkürzen. Für mich und mein Umfeld. Ich wollte dich nicht gewinnen lassen. Dir nicht die Macht über mich geben, lieber hätte ich mir selbst alles genommen, als dir dabei zuzusehen, wie du mir Stück für Stück alles entreißt. In diesem Moment gab es für mich keinen anderen Weg, kein rationales Denken, keine innere Stimme, die mir sagt, wie weit die Medizin doch schon ist. Draußen war es sonnig, aber in mir herrschte eine luftleere Dunkelheit, wie sonst nur außerhalb unseres Planeten. Die Fahrt war anstrengend vom Weinen, den Gedanken und der Suche nach einem geeigneten Unfallort. Aber dann hat das Lied gewechselt. Meine Aufmerksamkeit hat sich auf die Musik und mein Handy in der Mittelkonsole verlagert. Nur eine Sekunde. Ich habe es kurz angetippt, um den Sperrbildschirm Hintergrund anzusehen und da war mein Freund und hat mir vom Display entgegen gelächelt. Und plötzlich war da ein Schalter in meinem Kopf umgelegt, und meine Gedanken haben sich langsam weg von dem geplanten Unfall und hin zu meinem Sicherheitsnetz zuhause bewegt. Wie würde es ihm, meiner Familie und meinen Freunden gehen, wenn ich nicht von diesem Termin heimkomme? Wenn ihr Handy stumm bleibt, während sie auf die Nachricht warten, dass ich sicher zuhause angekommen bin? Wenn mein Schlüssel das Schloss unserer Wohnungstür nie mehr aufschließt? Ich würde nicht ans Handy gehen, wenn sie anrufen und nach mir fragen. Ich würde niemals wieder ans Handy gehen. Niemals mehr nach Hause kommen. Ich wäre irgendwo in einem verunfallten Auto, mit dir, und keiner würde jemals erfahren, was passiert ist. Das wäre nicht fair, und außerdem hättest du damit trotzdem irgendwo gewonnen. Weil du mich klein gekriegt hättest. Weil ich aufgegeben hätte, ohne es zu versuchen.

Da war mein Anker, und an dem habe ich mich mit aller Kraft, die ich noch hatte, festgeklammert. Ich bin nach Hause gekommen und hab vom Termin erzählt, von meinen Ängsten und Befürchtungen, davon dass ich mich unglaublich wertlos fühle. Und ich wurde aufgefangen. Mein Partner, meine Familie und Freunde waren da, sie haben mich bestärkt weiterzumachen und mir versichert, dass du mich nicht definierst. Du stehst nicht über mir, du machst mich nicht aus. Du bist ein Teil von mir, aber nicht der größte. Du hast nicht gewonnen, nicht in dem Termin, nicht auf dieser Fahrt, nicht zuhause. 

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