28. Juni 2026
Wie Margret Schmidt zu Margret Schmidt wurde
Hallo Margret,
vielleicht hast du dich schonmal gefragt, woher du deinen doch sehr besonderen Namen hast. Oder warum du überhaupt einen hast. Das werd ich dir jetzt erzählen, und nur dass du Bescheid weißt, mir ist ziemlich egal, ob er dir gefällt oder nicht.
Was du mit Sicherheit über mich weißt, ist die Tatsache, dass ich ein sehr großer Harry Potter Fan bin. Diese ganze Welt ist für mich ein absolut tröstender Zufluchtsort, ein Ort an dem alles möglich ist und der doch auch so seine Fehler hat. (Ich möchte hier kurz anmerken, dass ich die Ansichten der Autorin J.K. Rowling nicht teile und so gut es geht die Künstlerin von ihrem Werk trenne. Sie steht mit ihren transfeindlichen Aussagen für das Gegenteil meiner Wertvorstellung und meiner Meinung nach auch zum Teil gegen die Werte ihrer eigens geschaffenen Welt.)
2015 hat sich die Youtuberin Coldmirror, von der die bekannten Neusynchronisationen der Filme stammen (“Harry Potter und ein Stein” zum Beispiel), ein neues Projekt überlegt, den 5 Minuten Harry Podcast. Darin nimmt sie den ersten Film, Stein der Weisen, Frame für Frame auseinander, gibt (unnützes) Hintergrundwissen, erklärt Zusammenhänge und Hintergründe zu Charakteren und Schauspielern und beleuchtet die Filmgeschichte mit ihrem unverwechselbarem Humor. Ich liebe einfach alles daran, das ist wie Glück auf einem Bildschirm. Auch als du eingezogen bist, war der Podcast da und ich habe mich rein geflüchtet, in eine Welt, in der alles so vertraut und gut war. Weg von dir und den ganzen ernsten Sachen und Themen, die du mit dir bringst, hinein in die Welt, wo das einzige “Problem” sichtbare Filmcrew und witzige Gesichter im Hintergrund waren.
Die Idee, dir überhaupt einen Namen zu geben, habe ich aus der MS-Ambulanz von einem wirklich tollen Neurologen. In einem der ersten Termine sagte er, dass ich versuchen soll, dir einen Namen zu geben. Das würde den Umgang mit dir leichter machen, es gibt “jemanden”, den man ansprechen und auf den man schimpfen kann. Den man als Mitbewohner identifizieren kann, und nicht als Herrscher über den eigenen Körper. Ich fand die Idee super. Quasi jemand anderes als Punchingball zu haben und sich namentlich darüber aufregen zu können? Dich damit von meiner Persönlichkeit abzukapseln, aber trotzdem auf eine Art anzuerkennen? Absolut perfekt. Ich wollte sowieso üben, da mit ein bisschen Leichtigkeit und Humor ranzugehen, um meinem Umfeld und vor allem mir selbst zu beweisen, dass das geht. Und dass ich nicht nur meine Krankheit bin, sondern immer noch Lüni bin. Nur mit nervigem, autoritärem Mitbewohner eben.
Aber jetzt finde mal einem Namen, der ein bisschen lustig ist und zu einer solchen Krankheit passt. Das ist nicht so einfach, und ich muss das ja auch fühlen, ich brauche ja da die Verbindung zu dir und einen Namen, den ich trotzdem irgendwie gut finde. Dass du weiblich bist, war von Anfang an klar, DIE Multiple Sklerose heißt es ja schließlich. Also bin ich wochenlang durch die Welt geirrt und habe nach was passendem gesucht, aber es war nichts dabei. Und dann kam ein Schub und die Genesungszeit zuhause nach der Kortisontherapie. Ich lag da wieder, mit einem Kortison-Mondgesicht und der Fitness einer gekochten Kartoffel und hab was gemacht? Richtig, meinen geliebten Podcast wieder von vorne angefangen. Ich lag auf der Couch, weil ich wenigstens ein bisschen Abwechslung vom Bett wollte, und ich glaube das Wetter war recht gut. Ich hab den Videopodcast meistens auf dem Laptop angeschaut, weil ich den mit mir drehen konnte, wenn ich meine Liegeposition ändern musste. Gerade lief Part #9 “Eine lange lange Treppe” und wir sind bei der Ankunft in Hogwarts. Professor McGonagall hat ihren ersten Auftritt und wird vorgestellt, wir sind bei Minute 15:14 (ja ich hab das extra für dich genau nachgeschaut) als das erste Mal dein zukünftiger Name fällt: “McGonagall ist im Buch Mitte 50 als Harry in die Schule kommt und hier im Film wird sie von Maggie Smith gespielt, oder wie ich sie gerne nenne, Margret Schmidt, die zum Zeitpunkt des Drehs aber schon Ende 60 war”. Ich habe diesen Satz schon so oft gehört, aber in diesem Moment, geschwächt durch dich auf der Couch und mit dem Hintergedanken einen Namen für mich zu finden, hat das was in mir ausgelöst. Ein kleines Schmunzeln, weil Coldmirror den Namen Margret Schmidt so besonders betont. Und eine ganze Welle Trauer und Endgültigkeit, denn die Tatsache, dass du einen Namen bekommst, macht das ganze wieder ein Stück realer. Aber ich habe mich gut gefühlt damit, der Name passt so gut zu dir und deinem widerspenstigen Charakter, deiner autoritären und einschüchternden Art und auch der Stärke, die du in mir hervor holst. Zeitgleich hört sich das, insbesondere mit der richtigen Betonung auch einfach lustig an, wenn ich sage: “Nein, mir geht's heute nicht so gut, Margret zickt grade.” oder: “Okay, Frau Schmidt hat sich entschieden heute nicht mehr zum Training zu gehen, wir bleiben also hier.” Großartig. Im wahrsten und auch traurigsten Sinne. Es tut gut und gleichzeitig weh dich beim Namen zu nennen, aber es ist wichtig. Für mich, meinen Umgang mit dir und auch mein Umfeld. Für uns alle.